Die Vielfalt der Perspektiven sicht- und nutzbar machen

Die Methode der kollegialen Fallberatung in der Jugendberufsagentur im Jerichower Land

03.07.2026 | Redaktion: Lydia Schwebig, Anne Knappe

Die Methode der kollegialen Beratung ermöglicht Fachkräften in Jugendberufsagenturen, miteinander Fälle strukturiert zu reflektieren und voneinander zu lernen. Der Beitrag stellt die Methode vor und beleuchtet die Erfahrungen aus der Praxis der Jugendberufsagentur im Jerichower Land.

Über die Jugendberufsagentur im Jerichower Land

Die Jugendberufsagentur Jerichower Land ist aus dem Landesprogramm Regionales Übergangsmanagement Sachsen-Anhalt (RÜMSA) hervorgegangen und besteht seit 2022. Darin kooperieren die Agentur für Arbeit Sachsen-Anhalt Nord, das Jobcenter Jerichower Land, das Landesschulamt Sachsen-Anhalt und der Landkreis Jerichower Land. Aus dem Fachbereich Kinder-Jugend-Familie des Landkreises sind mit der Koordinierungsstelle und der Jugendhilfeberatung zwei Stellen fest in der Jugendberufsagentur verankert und bilden einen wesentlichen Kern. Sie stehen jungen Menschen unter 25 Jahren, ihren Familien und Fachkräften aus dem Netzwerk zur Verfügung und gestalten die rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit inhaltlich und organisatorisch. Da die beteiligten Partner dezentral zusammenarbeiten, spielen abgestimmte Prozesse und gemeinsame Strukturen für die Zusammenarbeit eine zentrale Rolle, Informationen, Beratungen und Unterstützungsleistungen am Übergang Schule – Beruf wie aus einer Hand zu ermöglichen. Mobile Arbeit ergänzt das Angebot dort, wo institutionelle Zugänge allein nicht ausreichen. Darüber hinaus bietet die gemeinsame Website (www.zukunftschecker.de) jungen Menschen eine niedrigschwellige Möglichkeit zur Information und Kontaktaufnahme.

Kontakt: Aline Fürste, Koordination

Copyright Informationen anzeigenEine Gruppe von Personen sitzt in einem Stuhlkreis zusammen. Ein Mann spricht, die anderen hören interessiert zu.

Der Austausch zwischen Fachkräften gehört zum Kern der Arbeit in Jugendberufsagenturen. Das gilt ganz besonders im Rahmen der gemeinsamen Fallarbeit, wenn sich Fachkräfte verschiedener Rechtskreise über die Situation eines jungen Menschen und das weitere Vorgehen der Unterstützung miteinander verständigen. Doch auch dann, wenn einer der Partner einen jungen Menschen alleine betreut, kann die fachliche Perspektive der anderen Rechtskreise wertvolle Impulse für die Begleitung liefern. Die Methode der kollegialen Fallberatung schafft einen Rahmen für einen solchen Austausch der Rechtskreise.

Kollegiale Fallberatung: Worum geht’s?

Kollegiale Fallberatung ist eine niedrigschwellige Methode, wie Fachkräfte sich gegenseitig beraten können. Das Ziel dabei ist es, die Vielfalt der unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen sicht- und nutzbar zu machen und damit die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Zudem ist die Methode so angelegt, dass sie die Zusammenarbeit, die Vertrauensbildung und das wertschätzende und offene Miteinander stärkt. In einer kleinen Gruppe (etwa fünf bis zehn Personen) stellt eine Person einen aktuellen Fall aus ihrer beruflichen Praxis vor. Die anderen Gruppenmitglieder stellen gezielte Nachfragen und äußern Hypothesen und Lösungsvorschläge. Das Ziel ist es, die fallgebende Person zu unterstützen, eine neue Perspektive auf den Fall und Ideen für das weitere Vorgehen zu entwickeln, damit sie gestärkt am Fall weiterarbeiten kann.

Die Methode ist so angelegt, dass sie selbstorganisiert durchgeführt werden kann, also keine externe Moderation notwendig ist.

Abgrenzung zur gemeinsamen Fallarbeit

In der Praxis wird der Begriff der kollegialen Fallberatung manchmal auch mit einer Fallkonferenz, einem Hilfeplangespräch oder der gemeinsamen Fallarbeit vermischt. Dabei handelt sich tatsächlich um verschiedene Formate, mit unterschiedlichem Charakter. Bei der gemeinsamen Fallarbeit, einem Hilfeplangespräch und einer Fallkonferenz geht es darum, dass die beteiligten Fachkräfte verbindlich Aufgaben und Zuständigkeiten vereinbaren und ein gemeinsames Vorgehen besprechen – oft auch in Anwesenheit des betreffenden jungen Menschen.1 Die kollegiale Fallberatung dagegen ist ein internes, vertrauliches Reflexionsformat unter Fachkräften mit dem Ziel, die fallgebende Fachkraft in ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen.2

Wie funktioniert die kollegiale Fallberatung?

Es gibt verschiedene Konzepte für die Durchführung einer kollegialen Fallberatung. Sie unterscheiden sich im Ablauf, ähneln sich aber in grundsätzlichen Zügen:

  • Klare Rollen als Strukturhilfe
    Zu Beginn wird festgelegt, wer welche Rolle übernimmt. Die fallgebende Person schildert ihre Situation und bringt das Anliegen ein.
    Die Moderation sorgt für den strukturellen Rahmen, achtet auf die Einhaltung der Zeit und der vereinbarten Regeln, ohne sich inhaltlich einzubringen. Bei Bedarf führt sie Protokoll oder klärt, wer diese Aufgabe übernehmen kann.
    Die übrigen Teilnehmenden hören sich den Fall an, stellen klärende Fragen und steuern ihre Perspektiven und Ideen bei. Auf diese Weise entwickelt sich schrittweise ein differenzierter Blick auf den Fall.
  • Ein klarer Ablauf als Orientierung
    Die Fallberatung folgt einem festen, zeitlich gegliederten Ablauf. Diese Struktur unterstützt dabei, fokussiert zu bleiben und die einzelnen Schritte nachvollziehbar zu gestalten.
    Da der Prozess klar definiert ist, kommt die Gruppe ohne externe Leitung aus. Sie organisiert sich selbst und trägt die Verantwortung gemeinsam. So entsteht ein konzentrierter Austausch, in dem unterschiedliche Sichtweisen zusammengeführt und neue Handlungsansätze entwickelt werden können.
  • Ein geschützter Rahmen und wertschätzendes Miteinander
    Für die kollegiale Fallberatung ist ein gutes Miteinander zentral. Der Rahmen ist bewusst so gestaltet, dass sich alle Beteiligten auf Augenhöhe begegnen können. Im Vordergrund steht nicht die Bewertung einzelner Beiträge, sondern das gemeinsame Nachdenken über einen Fall und ein aufmerksames Zuhören.

Grundlegende Prinzipien der kollegialen Fallberatung

Damit sich die Teilnehmenden in der kollegialen Fallberatung wirklich auf Augenhöhe begegnen und sich positiv in die Beratung einbringen können, gibt es einige grundlegende Prinzipien: Die Teilnahme ist freiwillig, Vertraulichkeit wird gewahrt und personenbezogene Angaben bleiben außen vor. Berufliche Hierarchien treten während der Beratung in den Hintergrund, alle Beteiligten sind gleichberechtigt. Am Ende bedankt sich die fallgebende Person bei der Gruppe und nimmt die gesammelten Impulse mit.

Der genaue Ablauf der kollegialen Fallberatung hängt von der Wahl des jeweiligen Konzepts ab. Im pädagogischen Bereich ist ein sehr bekannter Leitfaden das sogenannte Heilsbronner Modell, das die Teilnehmenden in zehn Phasen durch die Fallberatung führt.

In der Praxis werden die einzelnen Phasen häufig zusammengezogen, beispielsweise im Ablaufplan der Jugendberufsagentur Bremen und Bremerhaven, der als Praxistipp auf unserem Portal zur Verfügung steht.

Erfahrungen aus der Praxis: Die kollegiale Fallberatung in der Jugendberufsagentur im Jerichower Land

In der Jugendberufsagentur im Jerichower Land wird die kollegiale Fallberatung schon viele Jahre erfolgreich eingesetzt. Sie findet an jedem dritten Donnerstag zu einer festen Uhrzeit statt. Um lange Anfahrtswege für die Teilnehmenden zu vermeiden, wechseln die Termine zwischen den beiden Standorten der Kreisverwaltung in Burg und Gentin. Organisiert werden die Termine durch Aline Fürste, die Koordinatorin der Jugendberufsagentur und durch ihre Kollegin Laura Thiem, die als Jugendhilfeberaterin in der Jugendberufsagentur arbeitet.

Copyright Informationen anzeigenEine Gruppe von Menschen sitzt in einem Stuhlkreis zusamme.

Fachkräfte aus den Bereichen Integration U25, Berufsberatung, ASD, Schulsozialarbeit, Jugendarbeit (Streetwork und Jugendclub), Sucht- und Schuldnerberatung, Familiencoaching und Kompetenzagenturen kommen bei diesen Terminen zusammen, um sich gemeinsam über einen Fall auszutauschen. "Bei den Terminen sind meistens dieselben Institutionen vertreten – aber nicht unbedingt dieselben Menschen. Die Teilnahme rotiert innerhalb der Institutionen. Durch diesen Wechsel lernen sich über die Zeit mehr Mitarbeitende der Rechtskreise kennen", erklärt Frau Fürste.

Das ist sehr wertvoll, denn die Jugendberufsagentur im Jeriochwer Land ist dezentral organisiert und hat keine gemeinsame Anlaufstelle – die Mitarbeitenden der Jugendberufsagentur begegnen sich also "nicht einfach auf dem Flur". Vor diesem Hintergrund werden die Termine für die kollegiale Fallberatung auch genutzt, um zu Beginn und zum Schluss Raum für den allgemeinen Austausch von Informationen zu bieten, denn in der Runde treffen in der Regel Personen aufeinander, die in ihrem regulären Arbeitsalltag in dieser Konstellation nicht zusammenkommen.

Im Gespräch mit Aline Fürste lag der Fokus auf den Erfahrungen, die die Jugendberufsagentur mit der kollegialen Fallberatung gewonnen hat.

Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Nutzen, den die kollegiale Fallberatung für die Jugendberufsagentur gebracht hat?

Der wichtigste Nutzen ist für mich ganz klar, dass man als Fachkraft ein besseres Verständnis für die Handlungslogiken der Anderen bekommt. Gerade am Übergang von der Schule in den Beruf arbeiten ja verschiedene Professionen zusammen – und durch die kollegiale Fallberatung wird viel transparenter, wie Fachkräfte der anderen Einrichtungen eine Situation bewerten, welche Ziele sie verfolgen und warum sie so handeln, wie sie handeln. Man erfährt auch mehr darüber, welche Optionen andere haben, um in einer Situation zu unterstützen und bekommt dadurch ein besseres Gefühl für die Möglichkeiten des Netzwerks. Dieses Lernen voneinander passiert aber einfach nebenbei im Gespräch und dadurch fühlt es sich ganz natürlich an. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entlastung: In unserem Arbeitsfeld gibt es oft vertrackte Situationen und es hilft enorm zu sehen, dass andere ähnliche Herausforderungen haben. Deshalb gilt bei uns das Motto "Du bist mit deinem Fall niemals allein".

Macht sich der Effekt der kollegialen Fallberatung auch in der alltäglichen Arbeit außerhalb der Beratungsrunde bemerkbar?

Ich würde sagen, ja. In den Terminen für die kollegiale Fallberatung wird immer wieder aufs Neue deutlich, wie viel es bringt, wenn man nicht nur durch die eigene Brille schaut. Wenn man sich bewusst macht, dass andere etwas erkennen, was man selbst sonst übersehen hätte. Und dadurch, dass ich ein Verständnis für die Vorgehensweisen, Handlungslogiken und Lösungsansätze der anderen kennenlerne, lerne ich auch das Netzwerk stärker in seinen Möglichkeiten zu schätzen. Und dieses Wissen, nehmen die Teilnehmenden ja aus den Terminen der kollegialen Fallberatung mit, tragen das in ihren regulären Arbeitsalltag hinein und können es auch auf andere Fälle übertragen. Das ist aber nicht nur für die Fachkräfte gut, es hilft ja auch den jungen Menschen, weil sich die Art der Unterstützung dadurch weiterentwickeln und verbessern kann.

Bei uns im Jerichower Land gibt es noch einen weiteren Vorteil: der feste Rhythmus der Termine für die Fallberatung sorgt dafür, dass die Jugendberufsagentur bei allen Fachkräften "auf dem Schirm" bleibt beziehungsweise bei neuen Fachkräften schnell auf dem Schirm landet – denn wir haben ja keine gemeinsame Anlaufstelle, wo man sich einfach so mal auf dem Flur begegnet.

Natürlich gibt es bei uns nicht nur die kollegiale Fallberatung, die Fachkräfte bearbeiten auch gemeinsam Fälle. Das passiert aber eher bilateral und im Bedarfsfall. Die kollegiale Fallberatung hat einen ganz anderen Charakter: Sie findet regelmäßig statt und die Fälle, die besprochen werden, werden anonymisiert. Sie bietet für uns eine Struktur, in der die Fachkräfte das Miteinander und den Austausch aufrechterhalten können.

Was würden Sie anderen Jugendberufsagenturen empfehlen, die die Methode der kollegialen Fallberatung einführen möchten?

Ich würde auf jeden Fall empfehlen, von Anfang an auf Verbindlichkeit zu setzen – also feste Termine zu planen, am besten gleich mehrere Monate im Voraus und diese dann auch wirklich einzuhalten, damit sich das Format etablieren kann. Es ist aber auch sinnvoll die Beteiligten im Prozess mitzunehmen und zwischendurch zu reflektieren, ob das Format in der Umsetzung für alle funktioniert. Wir haben zum Beispiel zwischendurch andere Uhrzeiten ausprobiert und einige Monate nach der Einführung der kollegialen Fallberatung eine Evaluation des Formats durchgeführt.
Und ganz wichtig: Dranbleiben! Am Anfang gibt es vielleicht manchmal Vorbehalte, aber die Erfahrung zeigt, dass der Mehrwert mit der Zeit für alle wächst. Und es ist auch hilfreich, sich mit Jugendberufsagenturen auszutauschen, die schon Erfahrung mit dem Format haben.

Auf einen Blick: Die Organisation der kollegialen Fallberatung im Jerichower Land

  • Die Termine für die kollegiale Fallberatung finden alle drei Wochen statt. Abwechselnd an zwei Standorten der Kreisverwaltung.
  • Bei akutem Bedarf ist auch kurzfristig ein Termin außerhalb des Turnus möglich.
  • Die Termine werden ein Jahr im Voraus geplant und die Beteiligten erhalten eine Woche vor dem Termin eine Erinnerungsmail.
  • Ein Termin dauert 90 Minuten. 60 Minuten für die kollegiale Fallberatung und 30 Minuten für den kollegialen Austausch.
  • Beteiligt: Fachkräfte aus den Bereichen Integration U25, Berufsberatung, ASD, Streetwork, Jugendclubs, Schulsozialarbeit, Sucht- und Schuldnerberatung, Kompetenzagenturen, Familiencoaching

Aller Anfang ist schwer, aber es lohnt sich

Der Einstieg in die kollegiale Fallberatung kann sich zunächst etwas ungewohnt anfühlen, da sie oft eine andere Form des Austauschs verlangt als im gewohnten Arbeitsalltag: Das Gespräch folgt einer Struktur und man spricht über eigene Unsicherheiten – das erfordert Offenheit und ein gewisses Umdenken. Dass es sich lohnt, wurde unter anderem durch das Gespräch mit Aline Fürste von der Jugendberufsagentur im Jerichower Land deutlich.

Um die Einführung der Methode etwas zu erleichtern, hat sie noch einen Tipp: Im Vorfeld der regulären Termine für die kollegiale Fallberatung können die Beteiligten die Methode mit einem fiktiven Fall einmal erproben. Auf diese Weise kann die Verteilung und Einhaltung der Rollen und der Ablauf der Fallberatung geübt werden.
So hat es zum Beispiel auch die Jugendberufsagentur Stendal gemacht. Dort hat Willi Schüler, Jugendhilfeberater, ein fiktives Fallbeispiel erarbeitet, das er der Servicestelle Jugendberufsagenturen freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Fikiives Fallbeispiel zur Erprobung der kollegialen Fallberatung

Hier können Sie das fiktive Fallbeispiel herunterladen. Es kann für die Einübung der kollegialen Fallbearbeitung verwendet und bei Bedarf an die Rahmenbedingungen vor Ort angepasst werden. Die PDF ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht barrierefrei.

Fallbeispiel für die kollegiale Fallberatung (310 KB)

Fußnoten mit Literaturangaben

  • 1
    Deutscher Verein 2022, S. 13
    Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (2022): Empfehlungen des Deutschen Vereins für eine gelingende Zusammenarbeit an den Schnittstellen der Rechtskreise SGB II, SGB III und SGB VIII – Unterstützung am Übergang Schule–Beruf. Berlin
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  • 2
    Gagern, Wolf, Kiepenheuer-Drechsler 2020, S. 45-47
    Gagern, Susanne; Wolf, Miriam; Kiepenheuer-Drechsler, Barbara (2019): Erster Zwischenbericht der Evaluation der Jugendberufsagentur Bremen-Bremerhaven. Berlin/Nürnberg: Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb).
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