"Wir können den jungen Menschen jetzt häufig passgenaue Angebote eröffnen"
Interview mit Christina Grodotzki vom Jugendamt Essen
14.01.2026 | Redaktion: Sozialmagazin
Das Interview beleuchtet die Entwicklung und Arbeitsweise der Jugendberufsagentur Essen. Seit 2020 arbeitet die Jugendberufsagentur als rechtskreisübergreifendes Kooperationsmodell, um junge Menschen ganzheitlich zu beraten und zu unterstützen. Ziel ist eine handlungsfähige, präsente und niedrigschwellige Jugendberufsagentur, die passgenaue Angebote macht und strukturelle Hürden zwischen den Rechtskreisen überwindet – mit dem Anspruch, Lebensläufe positiv zu verändern und echte Teilhabe zu ermöglichen.
Über die Jugendberufsagentur Essen
Die Jugendberufsagentur Essen ist eine gemeinsame Einrichtung der Stadt Essen (Jobcenter und Jugendamt) und der Agentur für Arbeit Essen. Beteiligt an der Kooperation ist über das Angebot "Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA)" auch der Fachbereich Schule. Die Jugendberufsagentur ist eine zentrale Anlaufstelle für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Essen. Ziel ist es, alle jungen Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf bestmöglich und aus einer Hand zu unterstützen.
Website der Jugendberufsagentur EssenÜber Christina Grodotzki
Christina Grodotzki ist Diplom-Sozialpädagogin und beim Jugendamt der Stadt Essen tätig. Seit 2019 ist sie Fachliche Leitung der Jugendberufsagentur und Teamleitung der JBA-Clearingstelle für das Jugendamt Essen.
KontaktFrau Grodotzki, unter Jugendberufsagenturen werden ja ganz unterschiedliche Dinge verstanden. Wie ist denn die Jugendberufsagentur in Essen ausgestaltet? Was heißt "Jugendberufsagentur" bei Ihnen?
Zunächst mal gibt es dazu eine kleine Vorgeschichte. 2015 gab es eine ganz kleine Jugendberufsagentur (JBA) in Essen. Diese wurde von der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter, dem Fachbereich Schule gemeinsam mit einem freien Träger aus der Jugendberufshilfe im Auftrag der Jugendhilfe umgesetzt. Es kristallisierte sich aber schnell heraus, dass das originäre Jugendamt wieder involviert werden müsste, um über die nötigen gesetzlichen Aufgaben entscheiden zu können. 2019 haben wir die Jugendberufsagentur dann neu konzeptioniert. Im Januar 2020 wurde eine neue Kooperationsvereinbarung aufgesetzt. In diesem Zuge wurde dann auch eine operative fachliche Leitung aus allen Kooperationspartnern eingerichtet.
Das Interview wurde von den Herausgebenden des Sozialmagazins geführt und ist in Ausgabe 7–8.2025 des Magazins erschienen.(1) Es wird mit freundlicher Genehmigung von Beltz Juventa bei der Servicestelle Jugendberufsagenturen zweitveröffentlicht.
Wie setzt sich diese operative fachliche Leitung genau zusammen, welche Rechtskreise sind beteiligt?
Die operative fachliche Leitung besteht aus je einer Teamleitung der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter, der kommunalen Koordinierung des Programms "Kein Anschluss ohne Abschluss" (KAoA) vom Fachbereich Schule und einer Teamleitung aus dem Jugendamt. Ich bin die Teamleitung, die aus dem Jugendamt dabei ist. Neben der operativen Leitung gibt es noch eine JBA-Steuerungsgruppe, die sich aus Abteilungsleitungen und Geschäftsführungsebenen zusammensetzt. Darüber hinaus gibt es eine Lenkungsgruppe mit den jeweiligen Fachbereichsleitungen, Dezernenten und der Geschäftsführungsebene der Agentur für Arbeit Essen.
Und können Sie uns noch etwas mehr dazu erzählen, wie Sie die Jugendberufsagentur in Essen aufgebaut haben?
Bei der Erstellung der Konzeption haben wir uns an der JBA Hamburg orientiert, gemeinsam mit der JBA Berlin waren beide in 2019 weit vorne. Die JBA Essen sollte echt, und handlungsfähig werden und sich wirklich an den Bedürfnissen der jungen Menschen orientieren – also keine Jugendberufsagentur, die nur auf dem Papier existiert. Wir haben dann unsere gesetzlichen Aufträge geprüft, um zu sehen, was konkret zu wem passt, und überlegt, wer welchen konkreten Auftrag hat: KAoA, Arbeitsvermittlung, Berufsberatung, Jugendsozialarbeit etc. So haben sich Teams bzw. gewisse Arbeitsbereiche und Aufgaben entwickelt.
Die Jugendberufsagentur Essen sollte echt, fassbar und handlungsfähig werden.
Wir haben drei Bereiche oder Teams, auch wenn sich die Aufgaben immer mal wieder mischen. Es gibt das Team "Schule", das Team "Vermittlung" und das Team "Clearing". Und wir haben zum Beispiel auch Kolleginnen und Kollegen, die in der Clearingstelle arbeiten und zusätzlich an Schulen vor Ort beraten.
Und das heißt, dass pro Team Leute aus den verschiedenen Ämtern zusammenkommen?
Wie sehr sich die Rechtskreise in den Teams überschneiden, ist sehr unterschiedlich. Das Team "Schule" mit seinem Beratungsangebot ist überwiegend an den Schulen angedockt. Das sind grundsätzlich Berufsberater:innen bzw. Arbeitsvermittler:innen. Ich persönlich finde es wirklich großartig, dass wir als Jugendberufsagentur an allen Schulen beraten. Die Beratung erfolgt durch Mitarbeiter:innen der Agentur für Arbeit Essen und des Jobcenters Essen, zumindest in allen Abgangsklassen. Sie verstehen sich als Tandem und beraten gemeinsam, egal ob die Person zum SGB II oder SGB III zählt. Dieses Tandem geht gemeinsam als Jugendberufsagentur in die Klassen und berät ganz individuell, damit die jungen Menschen eine Anschlussperspektive nach der Schule erhalten. Dadurch ist eine tolle Kooperation mit dem Fachbereich Schule und allen Playern an den Schulen, zum Beispiel Schulsozialarbeiter:innen, Stubos usw. entstanden.
Das Team "Vermittlung" ist für alles rund um Arbeit, Job, Beruf, Ausbildung usw. zuständig. Das ist ein großer Bereich, der hauptsächlich durch die Agentur für Arbeit und das Jobcenter übernommen wird. Manchmal ist hier auch die Jugendhilfe involviert, indem sie Angebote oder Maßnahmen nach § 13 SGB VIII unterstützend anbietet.
Hier beraten wir gemeinsam – für und mit den jungen Menschen.
Das dritte Team ist die Clearingstelle. Es besteht aus Mitarbeiter:innen des Jugendamtes, des Jobcenters und der Agentur für Arbeit – alle unter einem Dach, sogar auf einem Flur, im Gebäude der Bundesagentur. Wir agieren echt als Team. Mein "Dienst-Ehemann", Martin Heimberg vom Jobcenter, und ich sind gemeinsam Teamleitung für die JBA-Clearingstelle, im Sinne des originären Aufgabenbereiches des eigenen Rechtskreises. Und auch die Agentur für Arbeit hat Leitungsanteile für die Clearingstelle. Somit sind wir ein rechtskreisübergreifendes Leitungsteam für 15 Mitarbeiter:innen, das ist großartig. Wir als JBA-Clearingstelle werden von jungen Menschen genutzt, die sich häufig in unserem System verloren fühlen, die manchmal auch als "NEETs" bezeichnet werden. Das sind oft diejenigen, die nicht wissen, wo sie in diesem versäulten Sozialsystem eigentlich hingehören. Hier beraten wir gemeinsam, also rechtskreisübergreifend für und mit den jungen Menschen. Wir zeigen Möglichkeiten bzw. rechtliche Ansprüche auf und schauen auf den konkreten Bedarf.
Wie komme ich denn eigentlich zur Jugendberufsagentur in Essen?
Einmal durch die Schulberatung vor Ort. Jede Schülerin und jeder Schüler hat theoretisch eine JBA-Ansprechperson vor Ort. Dieses Beratungsangebot kann freiwillig durch die jungen Menschen angenommen werden. Darüber hinaus haben wir eine gemeinsame JBA-Website (www.jba-essen.de) und wir sind mittlerweile in den Stadtteilen bzw. in den Bezirken präsent. Wir sagen immer: Die Jugendberufsagentur geht raus!
Als ich 2019 in diesem Bereich eingesetzt wurde, habe ich sehr viel über Jugendsozialarbeit gelesen und habe irgendwann verstanden, dass die Jugendhilfe etwas von ihrer Logik und von der Wichtigkeit der Arbeit vor Ort in die anderen beiden Rechtskreise bringen sollte. Ich habe gesagt: "Leute, wir als Jugendamt sind dezentral aufgestellt. Wir haben in jedem Stadtteil eine Bezirksstelle des Jugendamtes, dazu gehören viele Stadtteilbüros, Bürgerbegegnungszentren, Jugendzentren etc. Lasst uns diese Präsenz und diese Räume nutzen". Und tatsächlich haben wir jetzt Mitarbeitende, die abends um 18 Uhr in den Jugendzentren Billard spielen gehen, als Jugendberufsagentur wohlgemerkt. So kommen sie ganz anders in Kontakt mit der Zielgruppe. Während eines Spiels wird dann auf einmal klar: "Ach, du machst gar nichts, du hängst nur auf der Straße ab? Dann komm doch mal rum, komm zur JBA". Wir sind also in den Sozialräumen, in den Stadtteilen und auf den Plätzen präsent und unterwegs, und haben einen niederschwelligen Ansatz gefunden, mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen.
Ein weiterer Punkt, wohl der Wichtigste, ist unser JBA-Info-Point, der mit Kolleg:innen vom Jobcenter und von der Agentur für Arbeit Essen tagtäglich besetzt ist. Hier kann man immer anrufen, egal mit welchen Anliegen. Die jungen Menschen erhalten Hilfe oder eine direkte Ansprechperson bzw. Kontaktdaten für andere Institutionen. Wir unterstützen bei Anträgen und wenn sich bei uns ein junger Mensch verirrt, der einen Antrag auf Kindergeld stellen möchte, helfen wir auch dabei. Häufig heißt es ja in Ämtern: "Dafür bin ich nicht zuständig – da bist du hier falsch". Das ist eine längst überholte Haltung, nach der wir definitiv nicht leben und arbeiten wollen. Wir denken und handeln anders, und wollen keinen jungen Menschen wegschicken. Wir sagen: "Gib her, ich schicke das für dich zur Kindergeldkasse". Nach dem Sozialgesetzbuch sind wir auch gesetzlich verpflichtet, alle Anträge anzunehmen. Ich sehe uns da ganz klassisch als Dienstleistende, die wir ja unterm Strich auch sind.
Können Sie uns erklären, wie Sie das gemacht haben, um diese verschiedenen Ämter zueinander zu bringen? Das sind ja total unterschiedliche Logiken. Wie sind Sie überhaupt miteinander ins Geschäft gekommen?
Ich würde sagen, alle müssen es wollen: die Führungsebene, die Mitarbeiter:innen, und alle müssen den Mehrwert darin sehen. Ich glaube, dass das stark bei uns verankert ist: alle Rechtskreise erkennen den Mehrwert für sich und für die jungen Menschen. Wir können für die jungen Menschen durch die Mischung der Knowhows der einzelnen Rechtskreise anders agieren. Bei uns gilt: Wir sind für alle jungen Menschen ab dem 15. Lebensjahr zuständig. Zu Anfang mussten sich alle noch in ihre neue Rolle einarbeiten und lernen, umzudenken und ein rechtskreisübergreifendes Denken zuzulassen.
Wir können durch die Mischung der Knowhows anders agieren.
Die jungen Menschen woanders hinzuschicken, macht keinen Sinn. Stattdessen müssen wir amtsübergreifend zusammenarbeiten. Nach dem Motto: "Ich kann das, du kannst was anderes. Ach, du hast diese Maßnahme! Gut, ich habe noch eine andere, lass uns kombinieren".
Wie sind Sie denn zu drei Teams gekommen?
Das Schulteam, die Beratung an Schulen durch die Arbeitsagentur, das gab es schon. Dieses Team wurde durch das Beratungsangebot des Jobcenters ab den Abgangsklassen erweitert, irgendwann dann auf alle Schulen in ganz Essen. Die Schul- und Berufsberater der Agentur für Arbeit und auch der U-25-Bereich des Jobcenters waren größtenteils schon Teil der Jugendberufsagentur, daher wurden hier nur noch die Aufgaben konkretisiert bzw. gemeinsam neu abgestimmt bzw. ausgeweitet. In der Clearingstelle haben wir vieles "beim Tun" erarbeitet und entwickelt: Martin Heimberg und ich haben uns immer wieder Zeiten geblockt, um inhaltlich weiter an einem Konzept zu arbeiten – an unseren Themenfeldern der Clearingstelle. Über die einzelnen Inhalte haben wir zu Beginn kontrovers diskutiert, zum Beispiel: Was bedeutet Integration in ein selbstständiges Leben oder was bedeutet wirkliche Teilhabe am Leben? Wer hat genau welchen gesetzlichen Auftrag? Aber dadurch verstehen wir einander nun viel besser als vorher und haben ein gemeinsames Verständnis vom ganzheitlichen Blick auf die jungen Menschen entwickelt.
Wir mussten ein Miteinander finden und gegenseitiges Verständnis herstellen.
Ein Schlüsselerlebnis war für mich die Entstehung und die Implementierung der sogenannten Tridem-Beratungen aus den drei Rechtskreisen: Wir haben überlegt und dann beschlossen, dass wir einmal in der Woche zwei Stunden lang eine rechtskreisübergreifende Tridem-Beratung anbieten, in der die Bedarfe gemeinsam mit den jungen Menschen besprochen werden. Zu Beginn ist dies auch auf etwas Widerstand gestoßen, da sich ja jeder Rechtskreis irgendwie in seiner eigenen Kompetenz beschnitten fühlte. Wir als Teamleitung haben immer wieder versucht, diese Zweifel infrage zu stellen und vermittelt, dass die gesamte Expertise der drei Rechtskreise ein Mehrwert sein kann: Wir beraten und informieren die jungen Menschen über alle entsprechenden Angebote und Maßnahmen, die uns zur Verfügung stehen. Somit haben sie alle Optionen und Möglichkeiten und können danach für sich entscheiden. Das macht die Jugendberufsagentur aus, das ist der Mehrwert für alle Beteiligten. Inzwischen stehen alle Mitarbeitenden der Clearingstelle hinter diesem Verständnis und dieser Arbeitsweise. Sie ist in unsere DNA übergegangen. Kurzum – es war ein spannender Weg. Wir mussten ein Miteinander finden und gegenseitiges Verständnis herstellen. Jetzt führen wir die Tridem-Beratungen schon zweimal wöchentlich durch: jede Woche dienstags und donnerstags für jeweils zwei Stunden.
Es gibt ja sehr unterschiedliche sozialpolitische Rahmungen und Zielsetzungen: im SGB VIII die Entwicklung einer selbstbestimmten Persönlichkeit, im SGB II die Aufnahme von Beschäftigung usw. Wie haben Sie denn zu einem gemeinsamen Verständnis gefunden?
Das eine geht doch gar nicht ohne das andere, das gehört doch alles zusammen. Ich kann nicht arbeiten gehen oder eine Maßnahme machen, wenn ich psychisch krank bin, finanzielle Nöte habe oder auf der Straße lebe. Wir gehen vom ganzheitlichen Blick auf die jungen Menschen aus, das ist unser Fokus. In einer Tridem-Beratung besprechen wir alle Themen, die die jungen Menschen uns mitteilen möchten – von Gesundheit über Finanzen bis hin zu Ausbildungswünschen oder Jobvorstellungen. Manchmal stehen erstmal ganz andere Themen oder Aufgaben des Lebens an erster Stelle und der Beginn einer Ausbildung oder einer Maßnahme kann erst im Nachgang erfolgen.
Wir gehen vom ganzheitlichen Blick auf die jungen Menschen aus, das ist unser Fokus.
Ich empfinde es mittlerweile eher so, dass sich die unterschiedlichen sozialpolitischen Rahmen gut miteinander verbinden lassen. Das ist kein Gegeneinander, sondern sie können zusammenfließen, step by step wie ein Stufenplan. Doch sicher schwebt immer irgendwo das langfristige Ziel mit, dass die jungen Menschen irgendwann einmal selbständig leben, für sich sorgen können und eine Arbeit haben, die erfüllend ist.
Wie viele Menschen erreichen Sie mit dem Clearing?
In 2024 waren das ungefähr 4.100 junge Menschen, die über den Info-Point Kontakt zur Clearingstelle aufgenommen haben. Wir haben 98 Tridem-Beratungen durchgeführt und 24 Clearing-Konferenzen. Die Beratungen werden von jungen Menschen selbst, aber auch von Institutionen bzw. Multiplikatoren genutzt.
Und wie sieht die Beratung aus? Wie läuft das ab?
Konkret sagen wir in den Beratungen immer zu den jungen Menschen: "Du bist der Experte deiner Lebenswelt. Wir sammeln hier heute einfach Ideen und Optionen und du entscheidest, was für dich richtig ist. Nach dem Motto: alles kann – nix muss. Die Optionen kannst du hinterher abfotografieren, mit nach Hause nehmen und dich dann entscheiden. Wenn du willst, bekommst du aber auch eine direkte Ansprechperson von uns". Dieses offene Angebot entspricht der Lebenswelt der jungen Menschen, die zu uns kommen. Das verändert auch unsere Arbeitskultur. Wir haben Freude und Motivation daran, das so zu gestalten. Wir können den jungen Menschen jetzt häufig passgenaue Angebote eröffnen.
Haben Sie ein konkretes Beispiel für diese passgenauen Angebote?
Wir hatten einen jungen Menschen, der inhaftiert war. Das Gericht hat uns kontaktiert, da er eine Tätigkeit, eine Maßnahme oder ein Angebot benötigte, um auf Bewährung entlassen zu werden. Eigentlich können wir über Maßnahmen erst nachdenken, wenn der junge Mensch in Essen wohnhaft ist. Wir haben uns mit einem freien Träger in Verbindung gesetzt, der alle Anträge ins Gefängnis geschickt hat. Für einen Termin in der Jugendberufsagentur erhielt der junge Mann Freigang, um diesen Termin wahrnehmen zu können. Es konnte ihm eine Maßnahme und ein weiteres Angebot direkt ab dem Zeitpunkt des Aufenthaltes in Essen, also nach der Entlassung, gewährt werden. An diesem Beispiel ist zu erkennen, wie effektiv eine gemeinsame Verantwortung, hier aus zwei Rechtskreisen, sein kann.
Als Sie die Jugendberufsagentur entwickelt haben, gab es da irgendwelche zusätzlichen Mittel oder gibt es sie heute?
Es gab keine zusätzlichen Mittel. Wir haben gemeinsam beraten, welche Ressourcen der jeweilige Rechtskreis einbringen kann. Darüber hinaus gab es ja auch keine wirklichen rechtlichen Vorgaben. Daher waren wir recht frei in der Ausgestaltung unserer JBA-Konzeption. Letzten Endes muss jede Kommune ihre passende Jugendberufsagentur entwickeln, die zu den Strukturen der Stadt passt und natürlich zu den Bedarfen der jungen Menschen vor Ort. Wir wollen ja neben den regulären Strukturen keine Doppelstrukturen mit der Jugendberufsagentur herstellen. Wir schauen gerne über den Tellerrand und prüfen, ob gewisse Themen, Anliegen, Projekte etc. kreativ miteinander verbunden werden können. Also schlicht gesagt schaffen wir Synergieeffekte.
Was sind denn aus Ihrer Sicht die Erfolge der Jugendberufsagentur?
Puh – Erfolge sind in erster Linie, wenn wir Lebensläufe junger Menschen verändern und ihnen zu einer Ausbildung, einem Studium oder einer Arbeit verhelfen. Hinzu kommen noch all die Aktionen, Angebote, Messen und Veranstaltungen der letzten vier Jahre sowie die ganzen kreativen Arbeitsweisen, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Aber alle Maßnahmen sind gemeinsame Erfolge für uns als Jugendberufsagentur. Und manchmal sind es auch nur Kleinigkeiten, zum Beispiel wenn wir komplizierte Sachlagen ganz unkompliziert aufgelöst bzw. geregelt haben. Wir arbeiten mittlerweile so selbstverständlich rechtsübergreifend zusammen. Das ist für sich genommen auch ein großer Erfolg. Das ist nicht selbstverständlich und passiert auch nicht mal eben so. Dahinter liegt ein Prozess, in dem man nicht direkt den Kopf in den Sand stecken darf, nur weil es nicht nach der eigenen Fasson läuft.
Und was sind jetzt die Herausforderungen? Was liegt noch vor Ihnen, was ist noch offen?
Wir sind von dem Angebot überzeugt. Daher muss das Ziel sein, noch mehr junge Menschen in Essen mit unserem Angebot zu versorgen. Natürlich wären zusätzliche Ressourcen für das Jugendamt in der Jugendberufsagentur wünschenswert und am liebsten auch eine eigene Fachgruppe gemäß § 13 SGB VIII Jugendsozialarbeit. Da aber in den letzten Jahren die Kapazitäten des Jugendamtes im Bereich der Sozialen Dienste massiv ausgebaut wurden, gilt es hier noch effizienter in der Zusammenarbeit zu werden.
Das rechtskreisübergreifende Arbeiten ist die Zukunft.
Wünschenswert wäre zudem bei einer Tridem-Beratung auch die Teilnahme von Mitarbeitenden aus dem SGB IX und SGB XII. Auch die Teilnahme vom Gesundheitsamt wäre oftmals sinnvoll. Das rechtskreisübergreifende Arbeiten ist meiner Ansicht nach die Zukunft: Man könnte dies weiter und größer denken, auch für Menschen über das 25. bzw. das 27. Lebensjahr hinaus.
Lassen Sie uns zum Schluss den Blick über Essen hinaus weiten. Die Jugendberufsagenturen haben es in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung geschafft. Was sind Ihre Erwartungen daran und welche Entwicklungsbedarfe gibt es auch über Essen hinaus?
Es wäre schön, eine Rechtsgrundlage zu bekommen, in der klar geregelt ist, wie eine Jugendberufsagentur ausgestattet sein sollte. Also eine grobe Orientierungshilfe aus der Politik wäre wünschenswert. Es müsste zusätzliche Personalstellen geben, die rechtskreisübergreifend arbeiten und dafür freigestellt sind. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den verschiedenen Bereichen müssten eigene Entscheidungskompetenzen für die Jugendberufsagentur erhalten. Jobcenter, Jugendamt, die Agentur für Arbeit und der Fachbereich Schule müssten wirkliche JBA-Stellen ausschreiben dürfen, sodass wir eine eigene Organisationseinheit werden können. Wir wären dann eine eigene Behörde, die Jugendberufsagentur heißt – wie auch immer sie sich rechtlich oder formal zusammensetzen würde.
Dann viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit auf diesem Weg und herzlichen Dank für Ihre Einblicke in die JBA Essen.

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