Die Gestaltung von Anlaufstellen einer Jugendberufsagentur
Wie sind physische Anlaufstellen von Jugendberufsagenturen vor Ort gestaltet? Können Gebäude und Räumlichkeiten dem Anliegen und Auftrag der Jugendberufsagentur zuträglich sein? Das versuchen wir in unserer kleine Artikelserie zu klären. Wichtig ist uns dabei, verschiedene Optionen in ihrer Vielfalt darzustellen – keine Norm zu setzen.
Die Anlaufstelle als jugendgerechter und niedrigschwelliger Zugang
Lokale Anlaufstellen sind eine Möglichkeit des Zugangs zur Jugendberufsagentur. Unser Autor Oliver Dick vom ism hat im Interview zum Thema "Niedrigschwellige Zugänge zu Jugendberufsagenturen" die Anforderungen an jugendgerechte und niedrigschwellige Zugänge definiert: "Abstrakt ausgedrückt können die beiden Begriffe als Appell verstanden werden, Angebote und Zugangswege von/zu Jugendberufsagenturen konsequent aus der Perspektive der jungen Menschen zu gestalten und nicht den System- und Handlungslogiken der beteiligten Institutionen zu folgen."
Angebote und Zugangswege von/zu Jugendberufsagenturen konsequent aus der Perspektive der jungen Menschen gestalten
Oliver Dick
Konkret bedeutet dies beispielsweise:
- Anlaufstellen sind gut erreichbar und verfügen über adressatengerechte Öffnungszeiten (beispielsweise auch am späten Nachmittag) sowie ansprechend gestaltete Eingangsbereiche. Die jungen Menschen werden dort persönlich in Empfang genommen.
- Die jungen Menschen machen die Erfahrung, dass sie mit ihren Anliegen vom ersten Moment an ernst genommen werden und ihnen unmittelbar geholfen wird. Bei der Kontaktaufnahme über E-Mail oder Social-Media-Kanäle erfolgt zeitnah eine Rückmeldung an die Ratsuchenden. [...]
- Bei der Anliegensklärung sind die Bedarfe der jungen Menschen und nicht institutionelle Zuständigkeiten handlungsleitend. Zuständigkeiten werden auf die Bedarfe bezogen begründet.
- Bei Bedarf werden auch alltagspraktische und ganzheitliche Hilfen angeboten, um drängende Themen und Konflikte aller Art unmittelbar bearbeiten zu können."
Das Beratungscafé der JUBAG Augsburg
Das Beratungscafé der Jugendberufsagentur Augsburg befindet sich mitten in der Innenstadt, nahe der Fußgängerzone im Erdgeschoss eines modernen Hauses. Es liegt verkehrsgünstig, direkt an einer Haltestelle der Straßenbahn. Man betritt einen großzügig gestalteten Raum mit Caféatmosphäre. Das Beratungscafé ist die einzige Anlaufstelle der Jugendberufsagentur in Augsburg, einer Stadt mit etwas mehr als 300.000 Einwohnern. Es hat an vier Tagen geöffnet – und zwar von 10 bis 17 Uhr und einmal wöchentlich auch von 12 bis 19 Uhr. Der Freitag ist für vereinbarte Termine reserviert.
Acht Mitarbeitende aus den drei Rechtskreisen SGB II, III und VIII arbeiten hier. Über dem Café, im ersten Stock, befinden sich ihre Büroräume. Die Arbeit im Homeoffice ist für die Mitarbeitenden keine Option, denn sie sollen (und wollen) präsent sein für die Jugendlichen, die unangemeldet den Weg ins Café finden.
Das Beratungscafé ist von mindestens zwei Personen besetzt – schon allein aus Sicherheitsgründen. Den „Cafédienst“ hat regelmäßig jede/r Mitarbeitende, egal aus welchem Rechtskreis er/sie kommt. Jede/r ist sprechfähig in allen Angelegenheiten, auch wenn es natürlich Expertenwissen zu den einzelnen Zuständigkeiten der Rechtskreise gibt. Alle Kolleginnen und Kollegen haben an einer Weiterbildung zur systemischen Beratung teilgenommen. Sie sollen auskunftsfähig sein und die Jugendlichen gegebenenfalls zu zuständigen Stellen begleiten. Das ermöglicht bei der Personaleinsatzplanung eine große Flexibilität, und die Jugendlichen profitieren von dem breiten Wissen der Beratungskräfte. Wenn es einmal nötig sein sollte, werden die Jugendlichen auch mal zu den Leistungsabteilungen der kooperierenden Behörden, die sich an anderen Standorten in der Stadt befinden, begleitet. Vieles lässt sich aber durch den telefonischen Kontakt der Mitarbeitenden klären.
Man kann nicht nicht kommunizieren, man kann nicht nicht gestalten.
Richard Schindler
Beratung in Caféatmosphäre bedeutet hier, dass ein „Clearing“ wie folgt beginnt: „Setz dich doch! Möchtest du etwas trinken?“ Die Getränke sind frei, die Begegnung verläuft ohne Hektik, es werden erstmal keine Daten abgefragt, sondern ein Gespräch nimmt seinen Lauf. Die Jugendlichen reagieren sehr positiv auf das Café, das zum Wohlfühlen einladen soll. Der "Gemütlichkeitsfaktor" sollte wichtig sein, berichtet Susanne Bock, Koordinatorin der JUBAG Augsburg. Das Mobiliar des Cafés enthält kräftige Farben, die aber nicht grell wirken. Kleine Sitzgruppen mit Sesseln um kleine Tische wirken einladend. Die Gruppierung der Sitzgelegenheit kann schnell verändert werden und sich so an die Gruppengröße oder die Anzahl der Gäste anpassen. Vor einer Küchenzeile, steht ein Tresen mit Barhockern davor. Man kann hier auch lässig abhängen.
Die Jugendlichen kommen entweder allein oder mit Freunden oder Verwandten hierher. Die ungezwungene Atmosphäre der Anlaufstelle wird wahrgenommen, das Beratungscafé, das seit 2019 geöffnet hat, ist gut besucht. Am Anfang sorgte ein Lastenrad, das so genannte JUBIKE in der Stadt für viel Aufmerksamkeit für die JUBAG. Damit radelten die JUBAG-Mitarbeitenden zu öffentlichen Plätzen, Jugendtreffs und Messen. Da nun das Café so gut besucht ist, wurden diese Aktivitäten zurückgefahren. Viele junge Menschen kommen auf Empfehlung aus dem eigenen Umfeld. Sie können sich zu den Themen Ausbildung und Arbeit informieren und beraten lassen, aber auch bei Problemen in der Schule oder der Familie. Sie erhalten Unterstützung beim Bewerbungsschreiben und bei Wohnungslosigkeit, bei Überschuldung und Suchtproblemen. Die JUBAG macht viel Werbung in Jugendzentren und an anderen öffentlichen Orten in der Stadt.
Auch der Kicker wird gebraucht. Zum Beispiel, wenn Jugendliche, die in Gruppen kommen, noch etwas warten müssen, oder wenn ein Gespräch vorbei ist: „Können wir noch ein Spiel machen?“
Es gibt eine Pinnwand mit Wünschen von Besucherinnen und Besuchern. Auf ihr Betreiben hin wurden Bücher angeschafft, in diesem Fall Bücher über Augsburg und die Umgebung.
Und wie sehen die dort Angestellten ihren Arbeitsort? „Die Kolleg:innen lieben das Ambiente, aber jede/r Mitarbeitende brennt auch für die Sache“, sagt Susanne Bock. Die Gestaltung des schönen Cafés haben übrigens zwei Kolleginnen aus der Jugendhilfe realisiert – kein/e Innenarchitekt/in.