Übergänge in Ausbildung – Herausforderungen und Chancen

Auswirkungen der Situation am Ausbildungsmarkt auf die Beratungs- und Vermittlungstätigkeit in Jugendberufsagenturen

12.04.2021 | Frank Neises

Die Situation am Ausbildungsmarkt ist in den letzten Jahren von zunehmenden Passungsproblemen gekennzeichnet. Darüber hinaus hat die Corona-Pandemie zu einer Verringerung des Ausbildungsplatzangebots geführt und den Zugang der Jugendlichen zu Bildungsangeboten und Ausbildung erschwert. So verschärfen sich durch die Pandemie die Herausforderungen sowohl in Bezug auf die Bereitstellung von Ausbildungsstellen, als auch beim Zugang der Jugendlichen zu den Bildungsangeboten und zur Ausbildung. Gleichermaßen vielschichtig zeigt sich auch die Situation in den verschiedenen Regionen. Dieser Beitrag stellt grundlegende Aspekte zum Ausbildungsmarkt dar und leitet Herausforderungen für die Arbeit in den Jugendberufsagenturen vor Ort ab.

Frank Neises

Über den Autor


Frank Neises ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und befasst sich mit den Themen Inklusion, Ausbildungsförderung, Migration und Flucht sowie den Förderinstrumenten und Berufswahlprozessen. Er koordiniert die im BIBB angesiedelte Fachstelle für Übergänge in Ausbildung und Beruf – überaus. Sein Arbeitsschwerpunkt ist der Wissenschaft-Praxis-Transfer.

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Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist das Kompetenzzentrum zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Das BIBB identifiziert Zukunftsaufgaben der Berufsbildung, fördert Innovationen in der nationalen wie internationalen Berufsbildung und entwickelt neue, praxisorientierte Lösungsvorschläge für die berufliche Aus- und Weiterbildung.

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Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes

Copyright Informationen anzeigenIm Vordergrund eine blaue Wasserwaage, hochkant, auf die ein Finger in einem Arbeitshandschuh zeigt. Im Hintergrund ein Mann mit Schutzhelm.
Der Ausbildungsmarkt ist nicht im Gleichgewicht.

Im Gegensatz zum Hochschulzugang erfolgt der Einstieg in die duale Ausbildung nach dem Marktprinzip.(1) Die Bereitstellung von Ausbildungsstellen, wie auch die Festlegung von Einstellungskriterien, obliegt bei der dualen betrieblichen Ausbildung den Betrieben, wobei hier keine formalen Zugangsvoraussetzungen im Sinne bestimmter Bildungsabschlüsse bestehen.

Durch die Corona-Pandemie wird noch einmal sehr deutlich, wie sehr der Ausbildungsmarkt von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängt. Ähnlich der Situation in der Finanzkrise im Jahr 2008, gibt es auch aufgrund der Covid-19-Pandemie einen deutlichen Rückgang bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen. Bis zum Stichtag 30. September 2020 wurden 467.484 Ausbildungsverträge abgeschlossen, über elf Prozent weniger als im Jahr zuvor. Der Rückgang der angebotenen Stellen vollzieht sich vor allem in den Bereichen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind, zum Beispiel bei den Berufen Touristikkauffrau und -kaufmann (Rückgang um 58,8 Prozent), Fachkraft für Veranstaltungstechnik (Rückgang 37,4 Prozent) oder Veranstaltungskauffrau, -kaufmann (Rückgang 36,2 Prozent).(2) Dieser Rückgang der betrieblichen Ausbildungsstellen findet vor allem in Branchen statt, in die häufig junge Menschen mit eher niedrigeren Bildungsabschlüssen einmünden:

  • Hotel- und Gastronomiebranche,
  • bestimmte kaufmännischen Berufe,
  • einfache Dienstleistungen,
  • Kosmetik und Körperpflege,
  • bestimmte Berufe der Metall- und Elektroindustrie.

Daneben gibt es auch Bereiche mit leichteren Anstiegen, wie zum Beispiel bei den Zweiradmechatronikerinnen und -mechatronikern (Zuwachs 12,6 Prozent), bei den Zimmerleuten (Zuwachs 10 Prozent) oder in den grünen Berufen. Diese Entwicklungen stehen unmittelbar mit der Corona-Pandemie in Zusammenhang. Ausschlaggebend für die geringeren Vertragsabschlüsse bei den betrieblichen Ausbildungen ist nicht nur der Rückgang der angebotenen Stellen, sondern auch der Rückgang auf der Nachfrageseite. Junge Menschen finden in Zeiten von Corona anscheinend nicht wie sonst in die formalen Bildungsangebote.

Copyright Informationen anzeigenAuf einer x- und einer y-Achse zeigt eine Linie die Entwicklung der Zahl der Ausbildungsplätze. Eine Lupe vergrößert die Entwicklung des Jahres 2020.

Entwicklung der Zahl neu abeschlossener Ausbildungsverträge 2007 – 2020

Bevor hier der Blick auf die Bildungsangebote gerichtet wird, die junge Menschen in den Beruf und die Erwerbstätigkeit führen, soll zunächst die längerfristige Entwicklung in der beruflichen Bildung dargestellt werden. Die Daten der integrierten Ausbildungsberichterstattung (iABE) verdeutlichen den folgenden Trend: Die Zahl der betrieblichen Ausbildungsstellen ist in den letzten zehn Jahren mit leichten Schwankungen rückläufig und die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge hat im Jahr 2020 einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Neben der dualen betrieblichen Ausbildung nach Berufsbildungsgesetz (BBiG) oder Handwerksordnung (HwO) münden gut ein Viertel der Jugendlichen eines Jahrgangs in die schulische Ausbildung der Gesundheits- und Sozialberufe (rund 188.000 im Jahr 2019), die dadurch einen Anstieg um circa 35.000 in den letzten zehn Jahren verzeichnen. Die höhere Studierneigung junger Menschen zeigt sich im Anstieg der Zahlen bei den Studienanfängerinnen und –anfängern um rund 85.000 Personen im Zeitraum zwischen 2009 und 2019 auf rund 513.000 Erstsemester im Jahr 2019.(3)

Doch in allen Bildungssektoren war im Jahr 2020 ein deutlicher Rückgang der Anfängerinnen und Anfänger im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Bei den Studienanfängerinnen und -anfängern lag dieser bei 3,9 Prozent, bei den Anfängerinnen und Anfängern im Übergangsbereich bei 4,7 Prozent. Lediglich bei denen, die die Hochschulzugangsberechtigung erwerben möchten, war im Jahr 2020 ein leichter Anstieg um 1,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen.(4) In diesem von der Corona-Pandemie geprägten Jahr sind also viele Jugendliche nicht in den formalen Bildungsangeboten und –sektoren angekommen. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen für den Übergang Schule – Beruf, für die nicht nur in der aktuellen Situation, sondern vor allem für die Zukunft Lösungen gefunden werden müssen. Diese veränderte Ausgangslage wird sicherlich Auswirkungen auf die Beratung und Begleitung der Jugendlichen vor Ort haben.

Die Zahl der betrieblichen Ausbildungsstellen ist in den letzten zehn Jahren mit leichten Schwankungen rückläufig und die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge hat im Jahr 2020 einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Auch wenn die Ausbildung in Deutschland nicht am Bedarf der Jugendlichen ausgerichtet ist, sondern dem Marktprinzip folgt, so verschafft sie jungen Menschen eine ausgezeichnete Grundlage für das spätere Berufsleben und führt dazu, dass Deutschland im internationalen Vergleich eine sehr niedrige Jugendarbeitslosigkeit hat. Um möglichst vielen jungen Menschen eine reguläre Ausbildung zu ermöglichen, gibt es im BBiG außerdem Regelungen, die besonderen Lebenslagen von Jugendlichen Rechnung tragen. Dazu gehören zum Beispiel die Teilzeitausbildung (§7a BBiG), die eine zeitliche Flexibilisierung der Ausbildung vorsieht, sowie die sogenannten Fachpraktikerausbildungen (§66 BBiG), die jungen Menschen mit Beeinträchtigungen das Absolvieren einer Ausbildung ermöglichen. Weitere Unterstützung und Hilfen wie die assistierte Ausbildung (§74-75a SGB III) oder die Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen (§76 SGB III) werden über das Sozialrecht als Leistung angeboten.

Passungsprobleme bedeuten: immer mehr betriebliche Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt, während eine gleichbleibend hohe Zahl an jungen Menschen unversorgt ist.

Die Angebot-Nachfrage-Relation unterscheidet sich in den Regionen stark

Seit einigen Jahren ist die Situation am Ausbildungsmarkt zunehmend von Passungsproblemen geprägt. Das bedeutet, dass auf der einen Seite immer mehr betriebliche Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben, gleichzeitig aber auch eine unverändert hohe Zahl an jungen Menschen unversorgt ist.(5)

Einer der Gründe für diese wachsenden Passungsprobleme liegt in den enormen regionalen Ungleichheiten beim Verhältnis von angebotenen zu nachgefragten Stellen. Diese Angebot-Nachfrage-Relation (eANR) schwankt je nach Region zwischen circa 80 und bis zu 130 angebotenen Stellen auf je 100 Nachfragende. Eine Übersicht über das Verhältnis von Angebot und Nachfrage in der eigenen Kommune oder in anderen Regionen Deutschlands bieten die interaktiven Karten auf der Website des BIBB:

Copyright Informationen anzeigenDrei Karten zeigen die Bundesrepublik Deutschland in den Farben blau, rot und grau.

Karten auf Basis der BIBB-Erhebung zum 30. September 2020

Das BIBB führt jährlich die Erhebung über neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zum 30. September im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in direkter Zusammenarbeit mit den für die Berufsausbildung zuständigen Stellen durch. Die vorliegenden Tabellen und Karten (Stand: 09. Dezember 2020) sind Ergebnisse aus der BIBB-Erhebung über neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zum 30. September 2020.

Zu den Regionalkarten auf bibb.de

Anforderungen der Betriebe – Wünsche der Jugendlichen

Für die fehlende Passung zwischen Ausbildungsangebot und -nachfrage können des Weiteren bestimmte Merkmale oder Auswahlkriterien der Beteiligten verantwortlich sein. Auf Seiten der Betriebe sind dies beispielsweise bestimmte Schulabschlüsse, wobei es keine formalen Beschränkungen für bestimmte betriebliche Ausbildungen gibt – weder im BBiG noch in der HwO. Auf Seiten der Jugendlichen können Betriebs- oder Berufsmerkmale dazu führen, dass bestimmte Berufe oder angebotene Stellen nicht nachgefragt oder gewählt werden, zum Beispiel, weil eine bestimmte Betriebsgröße gewünscht wird.

Berufswahltheorien, Theorien zum Selbstkonzept sowie Untersuchungen des BIBB untermauern, dass die Frage nach der Anerkennung, die der gewählte Beruf jungen Menschen in ihrem sozialen Umfeld bringt, häufig entscheidend für ihre Wahl ist. Das Image bestimmter Berufe und die damit verbundene Wertschätzung beeinflussen demnach stark die Berufswahl. Dies führt zur Frage, welche Wertschätzung die Gesellschaft allgemein bereithält für bestimmte Berufe und die Menschen, die sie ausüben. Wenn die Unterstützung, die Jugendberufsagenturen für junge Menschen bereithalten, zum Erfolg führen soll, dann müssen diese Aspekte bei der Gestaltung von Angeboten zur Berufsorientierung und Berufsfindung sowie bei der Bereitstellung dieser Angebote berücksichtigt werden.

Da Betriebe ihre Stellen kaum in anderen Regionen anbieten können, wäre die Förderung der Jugendmobilität eine Möglichkeit, dieser Situation zu begegnen. Denkbar wären Azubi-Tickets oder (neue) Wohnkonzepte, wie Bildungswohnheime, um die Ablösung vom Elternhaus zu erleichtern und die Verselbständigung in der Jugendphase zu stärken. Jugendliche stehen in dieser Situation des Umbruchs vor der Herausforderung, sich zu orientieren, eigenständig zu werden und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. In dieser sensiblen Phase müssen sie begleitet werden. Diese Begleitung kann über die Angebote einer Jugendberufsagentur organisiert werden und die Angebote der Jugendhilfe können dabei eine bedeutende Rolle spielen. Hier zeigt sich deutlich die Verbindung von lebensweltlichen und arbeitsweltlichen Themen, die sich als Anforderung durch alle Handlungsfelder am Übergang von der Schule in den Beruf zieht.

Studierende ziehen aus, Azubis bleiben zu Hause

Einerseits suchen Betriebe sehr regional nach Auszubildenden, andererseits ziehen Jugendlichen selten von ihrem Heimatort weg, um eine Ausbildung aufzunehmen. Laut einer Ausbildungsumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) suchen rund 80 Prozent der Betriebe regional. Gleichzeitig ziehen nur rund sechs Prozent der jungen Erwachsenen für die Ausbildungsaufnahme um, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in seinem Ausbildungsreport 2020 durch eine Befragung von Auszubildenden festgestellt hat.(6) Aus der Ursprungsgemeinde hinaus zogen 3,2 Prozent um – über die Landesgrenze hinweg waren es 2,9 Prozent. In der Beratung und der Begleitung von jungen Erwachsenen ist es natürlich besonders wichtig, den regionalen Ausbildungsmarkt zu kennen. Um den Berufswünschen von Jugendlichen aber umfassend Rechnung zu tragen, sollten Beratende auch die Möglichkeiten in anderen Regionen im Blick haben und den Interessierten Wege aufzeigen, wie sie diese Möglichkeiten wahrnehmen können.

In der Beratung und der Begleitung ist es nötig, sowohl den eigenen regionalen Ausbildungsmarkt zu kennen, als auch die Möglichkeiten in anderen Regionen.

Der Berufsorientierungs- und Berufswahlprozess findet, das zeigen Untersuchungen, in mehreren Schritten statt. Diese erstrecken sich vom ersten neugierigen Herantasten mit noch vagen Vorstellungen, über die Konkretisierung der Ideen, bis hin zur tatsächlichen Stellensuche und Bewerbungsphase. Entscheidend dafür, diese Phasen mit Erfolg zu durchschreiten, sind die Möglichkeiten des Erprobens und Reflektierens sowie die Option, sich gegebenenfalls neu zu orientieren. Es ist für die Jugendlichen ein Prozess, der nicht zwingend innerhalb eines definierten Zeitraums abgeschlossen wird, sondern der wiederholende Suchbewegungen und Findungsphasen beinhalten kann und deshalb auch oft wieder von vorn beginnt.

Bildungsangebote zur Unterstützung am Übergang Schule – Beruf

Für die Phase zwischen Schule und Beruf stehen viele Bildungsangebote, Programme und Maßnahmen zur Verfügung. Die BIBB-Fachstelle überaus zählt aktuell neben den Maßnahmen, die im Sozialrecht verankert sind, weitere 319 Programme von Bund und Ländern in den Handlungsfeldern am Übergang Schule – Beruf sowie 123 schulische Bildungsgänge der Länder. Das Angebotsspektrum umfasst dabei sowohl Beratung, Begleitung und Coaching, als auch Qualifizierungseinheiten, Lernförderung und Trainings.

Copyright Informationen anzeigenSchematische Darstellung des Übergangsbereichs

Schematische Darstellung des Übergangs von der Schule in Ausbildung oder Studium

Nimmt man noch regionale Angebote und lokale Projekte hinzu, ist das Spektrum schier unüberschaubar. Umso wichtiger ist es für Jugendberufsagenturen, sich vor Ort einen guten Überblick zu verschaffen, um für den einzelnen Jugendlichen das passende Angebot zu finden und zielgerichtet planen zu können. Ein Beispiel: Es ist eine Situation denkbar, in der es in einer Kommune Versorgungsprobleme gibt. Als Gegenmaßnahme könnte die Zahl der außerbetrieblichen Ausbildungsstellen vor Ort erhöht werden, was jedoch in der kommunalen Planung für die entsprechende Dauer dieser Ausbildungszeit organisiert und in der Mittelplanung berücksichtigt werden muss.

Copyright Informationen anzeigenEin Mann sitzt einem Jugendlichen im Gespräch gegenüber. Die Kamera ist auf den Jugendlichen gerichtet.

Themenseite "Angebote koordinieren"

Eine oft verwendete Umschreibung dafür, was Jugendberufsagenturen tun, lautet, dass die drei Rechtskreise ihre Leistungen gemeinsam anbieten. Doch was heißt das für die praktische Umsetzung? Auf der Themenseite "Angebote koordinieren" finden Sie einen Überblick über das Angebotsspektrum und eine mögliche Vorgehensweise sowie Anregungen aus der Praxis.

Zur Themenseite

Eine Übersicht über die  Programme, Maßnahmen und Bildungsgänge am Übergang Schule – Beruf bietet die BIBB-Fachstelle für Übergänge in Ausbildung und Beruf – überaus – auf ihrer Website. Dort sind neben den Regelinstrumenten des Bundes auch die schulischen Bildungsgänge der Länder im Übergangsbereich aufgeführt. Das Angebot wird abgerundet durch eine Datenbank mit den Förderprogrammen und -initiativen in Bund, Ländern und EU.

Regelinstrumente des Bundes

Das Sozialrecht hält in den verschiedenen Gesetzbüchern unterschiedliche Angebote für junge Menschen am Übergang von der Schule in den Beruf bereit. Die Angebote umfassen in unterschiedlicher Weise die Bereiche von Beratung, Begleitung und Coaching sowie Qualifizierung, Unterricht und Trainings. Die Maßnahmen im SGB III zur Arbeitsförderung werden von Trägern im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit umgesetzt. Die Unterstützung der Kinder- und Jugendhilfe über das SGB VIII werden von den öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe organisiert. Zudem sind die Angebote zur Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) und die Hilfen zur Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen (SGB IX) relevant.

Schulische Bildungsgänge der Länder im Übergangsbereich

Nicht allen Jugendlichen, die die allgemeinbildende Schule verlassen, gelingt der direkte Übergang in eine berufliche Ausbildung. Für diese Jugendlichen bieten die Bundesländer eine Reihe schulischer Bildungsgänge an, die allesamt das Ziel verfolgen, Hemmnisse auf dem Weg in eine berufsqualifizierende Ausbildung abzubauen. Zugangsvoraussetzungen zu diesen Bildungsgängen, Dauer, inhaltliche Ausrichtung und mögliche Abschlüsse, die erworben werden können, sind dabei sehr unterschiedlich und variieren von Bundesland zu Bundesland. Auf Basis der integrierten Ausbildungsberichterstattung (iABE, Sektor II - Integration in Ausbildung) bietet die Fachstelle überaus eine Datenbank an, in der Sie die Bildungsgänge der Länder im Übergangsbereich recherchieren können.

Förderprogramme und -initiativen in Bund, Ländern und EU

Die Fachstelle überaus verfolgt kontinuierlich das förderpolitische Geschehen im Bereich Übergang Schule – Beruf. Dazu pflegen wir einen Datenbestand, der Informationen zu Förderprogrammen und -initiativen aus Bund, Ländern und EU in den Handlungsfeldern Berufsorientierung, Berufsvorbereitung, Ausbildung, Übergänge und Nachqualifizierung enthält. Mithilfe der unten stehenden Suchmaske können Sie nach Programmen und Initiativen in diesen Handlungsfeldern suchen.

Erfolgsaussichten von Übergangsmaßnahmen

Studien zum Übergang junger Menschen in Ausbildung und Beruf zeigen die enorme Bedeutung eines reibungslosen, direkten Übergangs und der funktionierenden Schnittstellen zwischen den abgebenden und aufnehmenden Systemen. Werden mehrere Maßnahmen absolviert besteht die Gefahr von "Maßnahmekarrieren" oder Warteschleifen und die Übergangschancen verbessern sich nicht, sondern können sogar Stigmatisierungen hervorrufen. Diese Effekte werden durch verschiedene Untersuchungen belegt. Betriebliche Phasen und Praktika hingegen verbessern die Übergangschancen in Ausbildung, ebenso das Nachholen von Schulabschlüssen oder der Erwerb von Bildungszertifikaten.(7)

Betriebliche Phasen und Praktika verbessern die Übergangschancen; Maßnahmen ohne abschlussbezogene Qualifizierungen oder anschließende Ausbildung stigmatisieren.

Das Eintrittsalter bei der Ausbildungsaufnahme liegt durchschnittlich bei rund 20 Jahren(8) und daher stellt sich die Frage, wie Jugendliche im Alter zwischen 15 und 20 beraten und begleitet werden. Es zeigt sich zum Beispiel, dass die Bedeutung einer kontinuierlichen Begleitung in der Übergangsphase nicht unterschätzt werden darf. Wenn es mehrere und wechselnde Bezugspersonen oder Bildungseinrichtungen gibt, schwindet das Vertrauen und es häufen sich die Schwierigkeiten. Daher muss bereits das erste Angebot möglichst so gestaltet sein, dass der nahtlose Übergang in Ausbildung, Erwerbstätigkeit oder hin zu höheren Bildungsabschlüssen erreicht werden kann. Darüber hinaus ist es bedeutsam, dass sich die jungen Menschen vorstellen können, worauf sie sich bei einer Maßnahme, einem Bildungsangebot, einlassen und welche Ziele sie dadurch erreichen können. Sie müssen darum in die Entscheidungen einbezogen werden: als Experten ihrer selbst und zur Stärkung der eigenen Selbstwirksamkeit.(9)

Copyright Informationen anzeigenEin Ausbilder und eine Schülerin bei Maurerarbeiten.
Schülerin und Ausbilder im Berufsvorbereitungsjahr

Ungewollte Warteschleife oder "Chancenverbesserungssystem"?

Eine Übersicht über die historische Entwicklung des Übergangsbereichs und eine Beschreibung der dazugehörigen Angebote bietet auch ein Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Im Interview erläutert Frank Neises von der BIBB-Fachstelle überaus, wie die Programme und Maßnahmen die Ausbildungschancen verbessern sollen, indem sie die Berufsorientierung stärken, eine erste berufliche Qualifizierung bieten oder die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzuholen. Er nimmt auch zu Stellung zu Problemen und Kritik.

bpb: Dossier Berufliche Bildung – Übergangsbereich

Besondere Einflüsse durch die Corona-Pandemie

Nicht nur das Angebot an Ausbildungsstellen ist infolge der Pandemie rückläufig, auch die Zahl der als suchend gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber ist es. Diese ist ebenfalls zum Stichtag 30. September 2020 um rund neun Prozent im Verhältnis zum selben Zeitpunkt im Jahr 2019 gesunken. Die Zahl der unversorgten Ausbildungsinteressierten ist dagegen um 14,3 Prozent auf 78.200 (Vorjahr 12,3 Prozent, gesamt 73.700) gestiegen.(10) Viele Bildungs- und Beratungseinrichtungen berichten von Schwierigkeiten, Jugendliche in Corona-Zeiten zu erreichen oder den Kontakt aufzubauen und zu halten.

Da Angebote zur beruflichen Orientierung nicht wie gewohnt stattfinden können, und auch Beratung und Coaching in neuen Formen erfolgen müssen, sehen sich die Jugendlichen mit einer zusätzlichen, großen Herausforderung konfrontiert. Die ohnehin bestehende Verunsicherung am Übergang in die Berufswelt könnte nun mit möglichen Zukunftsängsten und psychischen Belastungen einhergehen.

Auch für die Fachkräfte, die diese Jugendlichen begleiten und unterstützen, sind neue Aufgaben entstanden. Einige Bildungsanbieter nutzen alternative Formen, um den Kontakt zu den jungen Menschen zu halten und die Förderung und Begleitung zu organisieren. Sie setzen Lernplattformen wie die der BIBB-Fachstelle überaus ein und nutzen soziale Medien und digitale Tools.

Viele nutzen auch neue analoge Formen wie Beratung im Freien, durch Spaziergänge, Treffen im Garten oder im Park. Einige dieser Methoden könnten auch über die Pandemie hinaus interessant sein. Am wichtigsten bleibt jedoch, dass Jugendliche ganz real Erfahrungen im Arbeitsalltag machen können. Sie brauchen die Möglichkeit Betriebe direkt kennen zu lernen ebenso, wie Betriebe die Jugendlichen in realistischen Arbeitssituationen kennen lernen müssen.

Neue Chancen durch neue Erfahrungen

Die Jugendberufsagenturen sehen sich ebenfalls neuen Anforderungen gegenüber. Sie müssen sich fragen, wie sie die Jugendlichen erreichen und wie sie die jungen Menschen unter Pandemiebedingungen an die regulären Systeme von Bildung, Beratung und Unterstützung heranführen können. Und für sich selbst müssen sie in Zeiten der Kontaktbeschränkung die Zusammenarbeit organisieren. Es ist davon auszugehen, dass die Pandemie bislang vertraute Prozesse nachhaltig verändern wird, weshalb neue Formen, die nun entwickelt werden, auch zukünftig Bedeutung haben werden.

Beratungspersonal und Jugendliche haben zu Beginn der Pandemie oft sehr flexibel und fantasiereich reagiert. Die sonst oft so starren Rahmenbedingungen konnten überwunden werden zu Gunsten von individuelleren Betreuungsformen. Individualisierte Angebote fordern Fachleute am Übergang schon seit langer Zeit, jetzt geht es darum sicherzustellen, dass diese positiven Erfahrungen auch nach der Pandemie Beachtung finden.

Es ergeben sich also auch Chancen! Die Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen ist der wichtigste Faktor, sie kann um die neuen Angebote erweitert werden. War bislang die "Komm-Struktur" dominant (Jugendliche kommen zur Beratung in ein Büro), sind die Formen jetzt vielfältiger und niedrigschwellig. Meetings können mit Hilfe von Videosystemen stattfinden, Messenger-Dienste für kurze Impulse oder Erinnerungen genutzt werden. Die analogen Spaziergänge sind eine "Geh-Struktur" im wahrsten Sinne des Wortes. Während in der Krise individuelle Lösungen vor Ort oft zum Ergebnis führen, stellt sich für die Zukunft die Frage, wer die Verantwortung dafür trägt, dass Teilhabe jetzt eben auch digitale Teilhabe bedeutet.

Um Jugendliche in besonderen Lebenslagen zu anzusprechen, werden niedrigschwellige und sozialräumlich orientierte Angebote benötigt. Viele Fachkräfte berichten, dass es sich lohnt, Telefonnummern oder E-Mail-Adressen von Eltern zu haben. Jugendliche, die selbst den Kontakt meiden, können oft auf diesem Umweg angesprochen werden. Funktionieren diese Angebote nicht, sind die Jugendlichen in der Regel nur noch sehr schwer erreichbar, wie erste Berichte aus der Praxis zeigen. Gerade Jugendliche, denen Unterstützung im eigenen sozialen Umfeld fehlt, profitieren von einer kontinuierlichen Begleitung, einer verlässlichen Beziehungsarbeit und einer individuellen Übergangsplanung, die Schritt für Schritt mit ihnen gemeinsam geht.

So in Bewegung versetzt, können alte Denkweisen überwunden und neue Wege beschritten werden, die auf die jungen Menschen zu führen. Alte Konzepte müssen dafür nicht zwingend verworfen werden, vielmehr können neue Ansätze sie ergänzen. Dies gilt für die Bildungsangebote der Arbeitsförderung, die schulischen Bildungsgänge und für die Konzepte der Jugendhilfe, der hierbei eine besonders bedeutende Rolle zukommt. Durch eine gute Zusammenarbeit in den Jugendberufsagenturen kann sich vieles davon im Sinne der bestmöglichen Unterstützung für die jungen Menschen vereinen.

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Fußnoten und Literaturverzeichnis

Fußnoten und Literaturverzeichnis

Fußnoten

  • 1Vgl. Eberhardt, Verena (2016), S. 211-217.
  • 3Vgl. Integrierte Ausbildungsberichterstattung des Bundes und der Länder.BIBB: Daten

Literaur

BIBB (2020): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2020. Bonn.

BIBB (2021): Integrierte Ausbildungsberichterstattung – iABE auf Basis der Daten der statistischen Ämter des Bundes und der Länder 2020. (26.04.2021)

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DGB - Bundesvorstand, Abteilung Jugend und Jugendpolitik (2020): Ausbildungsreport 2020. Schwerpunkt: Mobilität und Wohnen. Berlin. S. 21-29.

Eberhard, Verena (2016): Der Übergang im Überblick. Von den Herausforderungen eines marktgesteuerten Ausbildungszugangs. In: Sozialer Fortschritt Heft 65, 2016. S. 211-217.

Eberhard, Verena; Beicht, Ursula; Kreweth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd (2013): Perspektiven beim Übergang Schule – Berufsausbildung. Methodik und erste Ergebnisse der BIBB-Übergangsstudie 2011. In: Wissenschaftliche Diskussionspapiere (WDP) Nr. 142. Bonn.

Oeynhausen, Stephanie; Milde Bettina; Ulrich, Joachim Gerd; Flemming, Simone; Granath, Ralf-Olaf (2020): Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2020. Bonn. (26.04.2021)

Ulrich, Joachim Gerd (2019): "Welche Anerkennung bringt mir der Beruf, den ich wähle?" Videointerview mit der BIBB-Fachstelle überaus. (26.04.2021).